Wie viel Geld braucht man um regieren zu dürfen?
Dicht gedrängte Luxusautos in China, die Metro am «Mittelpunkt der Welt»
in Russland und Smalltalk in Amerika. Obwohl Wolfgang Paul,
ein in der Tschechoslowakei geborener Amerikaner mit deutschen Wurzeln,
als Kind der 20er Jahre nicht mehr der Jüngste ist, hat er mit seiner Tochter Heidi eine Reise nach China und Rußland unternommen.
Und diese hat ihn auch in die Redaktion der «Rundschau» geführt

Wo sich der BMW und die Steinhütte «Guten Tag» sagen

Der «enorme Verkehr», und wie schnell und dicht die Autos fahren, kreuz und quer. Ein Wunder, dass dabei nichts passiert. Das war der allererste Eindruck von Wolfgang Paul von Peking. Und lauter neue Autos, kein Auto älter als zwei oder drei Jahre, und nur die bekanntesten Marken, wohlgemerkt alle importiert: BMW, Mercedes, Volkswagen, Audi. Zwischen den Autos massenhaft Fahrräder, obwohl ihre Anzahl in den letzten Jahren, zumindest laut ihrer chinesischen Fremdenführerin, abgenommen hat. Wie Wolfgang Paul mit seiner 25-jährigen Tochter dann aber zu der Jugendherberge gefahren ist, man war um eine sehr günstige Unterkunft bemüht, wurden ihm die riesen Unterschiede zwischen arm und reich bewusst. In Pekings Vororten öffnet sich dem Betrachter eine neue Welt. Eine kleine Hütte aus Stein reiht sich an die nächste, viele baufällig, oft befinden sich die Toiletten außerhalb, und überall Berge von Müll. «Die Jugendherberge war die ärmlichste überhaupt, verfallen wie im Krieg», meint Wolfgang Paul. Den Zweiten Weltkrieg hat er miterlebt, unter Hitler und unter Stalin, wie er sagt. Seine Familie war unter den politisch und religiös Verfolgten, der Tod in Form der Gestapo suchte schon nach ihnen, aber irgendwie ist Wolfgang Paul dann doch am Leben geblieben.


Trotz seines hohen Alters will Wolfgang Paul stets Neues entdecken

Staub zum Inhalieren

Im Vergleich zu den Pekinger Vororten kostet der Kauf einer Wohnung im luxuriösen Zentrum pro Quadratmeter 2000 Dollar, also etwa 50000 Rubel. Ein neues Auto etwa 40 000 Dollar. Und hier meldet sich wieder der Widerspruch zu Wort: Die teuersten «Prachtwägen» stehen auch vor den heruntergekommensten Steinhütten, die Leute kaufen sie auf Kredit. Wie sie diesen wieder abbezahlen, und warum sie gerade in ihre fahrbaren Untersätze investieren, bleibt fraglich. Dreckig sei es und es stinkt, «die Umweltverschmutzung ist auch ganz groß in Peking, die haben keine gute Luft», berichtet Wolfgang Paul. Und das obwohl der alte Mann mit dem langen grauen Bart und dem Gesicht, das schon von vielen Erlebnissen gezeichnet ist, sicher nicht penibel ist. Aber die Menschen in Peking seien sehr nett, ehrlich und hilfsbereit, und das trotzdem sie kein Englisch, und er und seine Tochter kein Chinesisch sprechen. Man habe sich «einfach» mit Händen und Füßen unterhalten. Fast an jeder Ecke stehen Polizisten, deshalb sei Peking eine der sichersten Städte, habe ihnen die Reiseführerin erklärt. «Dagegen ist Amerika ein Terrorstaat», meint Paul.

Endlose Tiefe

Mit der transmongolischen Eisenbahn ging es dann von Peking weiter nach Moskau. Dort imponierte Wolfgang Paul am meisten die Metro. Die Rolltreppen in die Erde hinunter «scheinen unendlich», und der alte Mann mit jugendlicher Energie weiß wovon er spricht. Er selbst ist Bergbauingenieur, hat zahlreiche Bücher auf diesem Gebiet verfaßt, und trägt das Zeichen seiner Zunft, zwei gekreuzte Hammer, als Abzeichen auf seiner schwarzen langen Jacke, sowie auf seiner Gürtelschnalle. Als Fachmann war er auch nach Moskau gekommen, um am hiesigen staatlichen geologischen Museum «Vernadsky» auf Einladung einen Vortrag zu halten, das war auch der Auslöser für die Reise. Und schließlich wollte er auch einmal die Redaktion der «Rundschau» besuchen, sei sein Name doch schon oft in Artikeln präsent gewesen. Hier in Uljanowsk sei das Leben wesentlich ruhiger, als im hektischen Moskau, und auch die russische Gastfreundschaft würde er hoch schätzen. In einem der vielen Lenin Museen, die er unbedingt besuchen wollte, habe man ihn und seine Tochter zum Beispiel gleich zum Tee eingeladen. Aber wie in China sind die großen Unterschiede zwischen ganz arm und ganz reich auch in Russland immer präsent.

Sag mir, wo die Blumen sind…?

In Amerika sei dagegen die Mittelklasse viel größer. Und auch mehr Geschäfte würde es geben. Reichhaltig werde auch eingekauft, einmal in der Woche kauft man in der Regel alles im Voraus, die Frische der Produkte darf sich dabei hintanstellen. In den USA sei alles «sehr ordentlich», und «mehr Blumen» gäbe es ebenfalls in dem neuen Heimatland von Wolfgang Paul, in das er 1956 als Sohn eines Deutschen und einer böhmischen Österreicherin emigrierte. Der viele Müll in China und Russland sei dagegen «widerlich». Aber das sei auch verständlich, «die Menschen dort haben andere Sorgen», so Paul. In seinem Heimatstaat Washington an der Nordwestküste Amerikas seien die Menschen viel freundlicher und persönlicher, als er das in Europa oder Asien kennengelernt habe. Die Verkäufer fragen dort schnell mal nach dem Tag, zwar sei das nur Smalltalk, aber trotzdem sehr sympathisch. Auf der Straße, besonders am Land, winke man einander zu, auch wenn man sich gar nicht kennt. Die Menschen auf den russischen Straßen würden im Vergleich dazu «angestrengter, verhärmter» aussehen, meint Paul: «Etwas gedrückt, aber nicht im negativen Sinn - ist die Mentalität.» Die Chinesen hätten im Vergleich dazu auf ihn fröhlicher und gelöster gewirkt, auf der Straße könnte man oft Lachen hören.

Der Plutokratie-Staat

Und auch die Amerikaner seien keine Kinder der Traurigkeit, meint Wolfgang Paul: «Mit Humor macht man viel in Amerika.» Wobei ihm in den letzten Jahren das Lachen schon ein wenig vergangen sei. Die amerikanische Außenpolitik findet er gar nicht komisch, eher zum Heulen. Als einem überzeugten christlichen Pazifisten ist ihm diese «zuwider», er lehnt den Krieg gegen den Irak aufs Entschiedenste ab. Das Leben in den USA habe sich durch die vermeintliche «Terrorbekämpfung» «in den letzten Jahren ganz verschlechtert», die Amerikaner hätten nicht mehr soviele Freiheiten wie früher. Der Staat wisse etwa über jedes Buch, das man aus der Bibliothek ausborgt, Bescheid, könne jedes private Telefongespräch mithören, und Menschen können plötzlich spurlos verschwinden, wenn die Regierung sie für «Staatsfeinde» hält. «Die Arroganz der Bushisten stößt mich ab», betont Paul und meint mit einer energischen Handbewegung weiter: «Amerika ist eine Plutokratie*. Es regieren die Reichen. Das Volk hat nichts zu sagen.»

*Griech.: Staatsform, in der die Herrschaft durch Vermögen legitimiert wird.

Viola Bauer

 

Unabhängige Wochenzeitung der Rußlanddeutschen "Rundschau"
Zurück auf die Hauptseite


© Unabhängige Wochenzeitung der Rußlanddeutschen "Rundschau"

 

Auf die Hauptseite
Impressum

Online-Abo

_ Ein Gast der «Rundschau» vergleicht Russland, China und Amerika __________________________